Prosa

Graph von Para

„Gestatten“, er schlug die Haken zusammen, „Graph von Para“.

Kurz meine Lebensdaten:
geboren jenseits von Eden, zwischen zwei rechten Ohren
wohnhaft in sehr rechtschaffenen Häusern

Meine Devise lautet: das Recht muss durchsetzt werden, egal was es kostet.

Das Recht der Graphen muss durchsetzt werden,
Para hin oder para her,
sonst setzt der Graph sich durch,
Recht hin oder her.

Meine Lieblingslektüre: Richtige Bücher über das Recht, richtige Philosophie,
Gedichte mit rechtem Maß, eben alles was rechtens ist oder wird.
Lieblingsessen: rechtsdrehende Milchsäurebakterien, in großen Mengen
Hobbies: Walzer rechtsherum
Einfach alles was richtig und recht ist.

Das mit dem Walzer rechtsrum sah man ihm bereits an, seine linke Seite war etwas kleiner, und weil dadurch die rechte Seite etwas größer war und demzufolge mehr Platz brauchte, stand er schief, seine beginnend bemoosten Finger klammerten sich um zwei alte Bücher, die schon sehr in die Jahre gekommen schienen. Er legte den obersten der beiden Rechtsbände auf ein rasch herbeigeholtes Notenpult, schlug es auf, und rezitierte in einer sehr dünnen, gebrochenen Fistelstimme. Mit seinen gepflegten Händen streichelte er die Seiten, kniff die Mitte noch einmal, so wie er es schon tausendmal getan hatte, legte seine Zunge zum Befeuchten zurecht, tat es, haftete dann den Finger, den nicht bemoosten an das Papier, zog Hand, Finger und Seite von rechts langsam über die Mitte, nach der anderen Seite hin, wartete bis der Speichel ganz eingetrocknet war und löste schließlich die Kuppe vom Papier, so dass Kriminalisten nur noch den Abdruck sahen. Die anderen sahen nichts.

Er hub aufs Neue an zu sprechen, die Laute gurrten, schnalzten, er sprach jovial bis charmant, flüsternd, sauber prononciert, das „r“ rollend, und sprach und sprach. Die Zuhörer lauschten andächtig, die Blicke klebten an den Lippen. Keiner bemerkte, dass die Nägel seiner Hand, zunächst wohl manikürt, einem beschleunigten Wachstum unterlegen waren. Sie formten sich zu spitzen Krallen, blutunterlaufen, blaugesäumt. Die Haut der rechten Hand wurde mit Schwielen überhäuft, während die andere dünner und pergamentartig ihr Leben von nun an bestreiten sollte. Im Hals legte sich ein Frosch quer, er räusperte, räusperte noch mal, hustete, hustete stärker, drückte die Luft von den Lungen nach außen, hoffend dass der Schleim sich endlich löse – aber das war ihm nicht gegeben.

Leise, ganz leise wurde seine Stimme, als der Morgen anbrach. Die Finger der rechten Hand sahen wieder aus, wie Finger, die Haut normalisierte sich, einzig der Frosch blieb stecken. Bis zum nächsten Abend.

Im Hinausgehen nahmen die Zuhörer noch den Nadelstreifen Anzug war, seltsam dachte einer, ich hätte schwören können, er hätte einen Frack getragen.

Am nächsten Abend das gleiche Ritual:

„Gestatten“, er schlug die Haken zusammen, „Graph von Para“.

Kurz meine Lebensdaten:
geboren jenseits von Eden, zwischen zwei rechten Ohren
wohnhaft in sehr rechtschaffenen Häusern

Meine Devise lautet: das Recht muss durchsetzt werden, egal was es kostet.
Das Recht der Graphen muss durchsetzt werden,
Para hin oder para her,
sonst setzt der Graph sich durch,
Recht hin oder her.

Meine Lieblingslektüre: Richtige Bücher über das Recht, richtige Philosophie,
Gedichte mit rechtem Maß, eben alles was rechtens ist oder wird.
Lieblingsessen: rechtsdrehende Milchsäurebakterien, in großen Mengen
Hobbies: Walzer rechtsherum
Einfach alles was richtig und recht ist.

Er legte wieder seine Zunge zum Befeuchten zurecht, tat es, haftete dann den Finger, den nicht bemoosten, an das Papier, zog Hand, Finger und Seite von rechts langsam über die Mitte nach der anderen Seite hin, wartete bis der Speichel ganz eingetrocknet war und löste schließlich die Kuppe vom Papier, so dass Kriminalisten nur noch den Abdruck sahen. Die anderen sahen nichts.
Seine rechte Hand schien sich schneller als gestern zu einer Kralle zu verwandeln, die linke Hand wurde wieder pergamentartig. Dunkle Haare drückten sich rechts ins Freie, von der Hand bis hinauf zu seinem Halsansatz, ungefähr da, wo der Frosch saß. Der linke Fuß holte öfters Luft, kurz bevor er verkrüppelte.

„Üb immer Treu und Redlichkeit
Üb immer Treu und Redlichkeit“

Der Vorleser durchzuckt seinen Körper, durchzuckt seinen Körper und wieder

„Üb immer Treu und Redlichkeit“

Lieblich stieg die Sonne hinter dem Horizont hoch,
Der Vorleser verschwand in der Wand.

Am dritten Abend zog er, als er zum Pult ging, seinen linken verkrüppelten Fuß ein bisschen nach, die Nägel der rechten Hand krallenspitz, blutunterlaufen, blaugesäumt, und wieder legte er seine Zunge zurecht.

Er begann mit dem Vorlesen einigermaßen flüssig, fistelnd, die Worte, zu den einzelnen Paragraphen gehörend, ölten die Luft ein – solange bis der Frosch im Hals durch Aufblasen so groß wurde, dass ihm das atmen schwer fiel. Die Stimme versuchte es nun mit krächzen, mit lautem Krächzen. Sie tönte wie eine sehr alte Lautsprecheranlage auf den Aufmarschplätzen, irgendwo im Osten, hinter den Bergen.

Üb immer Treu und Redlichkeit
Üb immer Treu und Redlichkeit

Einschmeichelnd dieser Gesang.

„Üb immer Treu und Redlichkeit“

Gar zu lieblich, zu süß, zu, zu, zu,
Bis der Morgen kam, er hinkte hinaus, den Lautsprecher abgestellt.

„Gestatten“, er schlug die Haken zusammen, „Graph von Para“.

Kurz meine Lebensdaten:
geboren Jenseits von Eden, zwischen zwei rechten Ohren
wohnhaft in sehr rechtschaffenen Häusern

Meine Devise lautet: das Recht muss durchsetzt werden, egal was es kostet.

Das Recht der Graphen muss durchsetzt werden,
Para hin oder para her,
sonst setzt der Graph sich durch,
Recht hin oder her.

Die linke Hand hing leblos und vertrocknet am Oberkörper, der, folgte man der Leserichtung, immer monströser wurde. Das Buch zurechtgelegt, Seiten gekniffen, was ihm wegen seiner spitzen Krallen leicht fiel, Lautsprecher angeschaltet, in die Runde blickend, feststellend, dass einige fehlten, oder nicht mehr kommen würden.

Die Worte legten einen Schallteppich über die Zuhörer, eine stehende Welle hüllte die Köpfe ein, die Schwingungen formten die Schädel neu, alle gleich, die Haare gezopft oder im Nacken rasiermesserscharf geschnitten. Der Anzug bekam deutlich rostbraune Flecke, man konnte fast glauben, es wäre eine alte Maschine drin.

Die Menschen hörten wieder diese liebliche Stimme:

„Üb immer Treu und Redlichkeit
Üb immer Treu und Redlichkeit“

Wohltuend, dass jetzt der Lautsprecher ausgeschaltet war. Ja, sie sehnten sich danach. Dennoch sang die Stimme, die liebliche, nur diesen einen Vers, wiederholte ihn, und versiegte dann.

Eos kam mit rosigen Fingern. Der Vorleser wurde von Männern in Uniform gestützt, Die linke Seite, der Fuß bot ihm keinem Halt mehr; er wäre beinahe gestürzt.

Der halbe Graf von Para, gestützt auf zwei Uniformierte, alle drei gezogen auf einem Wagen aus Krupp – Stahl, schaltete den Lautsprecher an und drehte den Bakelitknopf für die Lautstärke rechtsherum. Die Köpfe der Zuhörer gerieten im Gleichmarsch in Reih und Glied, der Anzug, bzw. Reste davon, verbraunt, das Jackett fehlte, die Ärmel waren hochgekrempelt.

Die Schädel marschierten auf der Stelle, sich nach der lieblichen Stimme sehnend.
Der Sprecher wurde noch lauter, der Tritt der Schädel noch fester, bis das Blut aus den Augen sprizte, die Münder kotzten, dann war sie wieder da:

„Üb immer Treu und Redlichkeit
Üb immer Treu und Redlichkeit
bis an Dein kühles Grab“